von Florian Dieckmann. Am 5. Oktober 2026 habe ich auf der CiviConf in Paris unter dem Titel On Desire Paths Through CiviCRM einen Vortrag über die Wissensinfrastruktur als institutionellen Erfolgsfaktor von CiviCRM gehalten. CiviCRM ist eine außerordentlich leistungsfähige Software, die von ihren potentiellen Benutzerinnen und Benutzern in Europa bislang noch gar nicht so richtig entdeckt worden ist. Die Schwierigkeit liegt weniger in der Verfügbarkeit der Software, sondern eher in ihrer Aneignung.
Die Software bietet eine Fülle von Funktionen, um alltagsweltliche Organisationsprobleme von Gruppen, Vereinen, Stiftungen oder auch politischen Organisationen zu lösen. Ganz unterschiedliche Anwender finden dabei sehr häufig ähnliche Wege, aber diese Wege sind bislang kaum oder gar nicht vorgezeichnet. Überall dort, wo Menschen CiviCRM erfolgreich einsetzen, entwickeln sie meist auf eigene Faust praktische Lösungen, wiederkehrende Abläufe und bewährte Konfigurationen. Allerdings bleibt dieses Wissen häufig an einzelne Organisationen, Dienstleister oder erfahrene Anwender gebunden.
Trampelpfade sichtbar machen
In meinem Vortrag habe ich dafür das Bild der Desire Paths, der Trampelpfade, verwendet. Trampelpfade entstehen dort, wo Menschen wiederholt einen bestimmten Weg einschlagen, weil er sie auf praktikable Weise an ihr Ziel bringt. Was zunächst eine individuelle Lösung ist, kann sich durch wiederholte Nutzung zu einem gemeinsamen Weg entwickeln.
Auf CiviCRM übertragen bedeutet dies, nicht nur Funktionen zu dokumentieren, sondern erprobte Wege ihrer Anwendung. Solche Wege müssen beschrieben, überprüft, weitergegeben und regelmäßig aktualisiert werden. Erst dadurch werden sie zu einer Ressource, die auch anderen zur Verfügung steht.
Das ist mehr als eine Frage guter Softwaredokumentation. Es ist erstens eine Frage der Organisation gemeinschaftlicher Wissensproduktion und zweitens ein Ankerpunkt des übergeordneten Gesprächs zwischen Benutzern der Software, Implementierungsagenturen und Softwareentwicklern.
Unter Rückgriff auf die Theorie kollektiven Handelns von Mancur Olson und Elinor Ostroms Überlegungen zur Rolle von Institutionen in Governance-Arrangements habe ich in Paris argumentiert, dass das Wissen um die Nutzungspfade von CiviCRM eine gemeinschaftliche Ressource jenseits des Programmcodes darstellt. Ihre Entstehung und dauerhafte Pflege benötigen institutionelle Voraussetzungen, die gemeinschaftliches Handeln ermöglichen und begünstigen.
Dokumentation vom Gebrauch her denken
Interessanterweise konnte ich diese Überlegungen beim anschließenden Sprint in Paris unmittelbar mit anderen Arbeiten innerhalb der CiviCRM-Community verbinden. Dave Moreton stellte dort seine Arbeiten zur Weiterentwicklung der CiviCRM-Dokumentation vor und verwies auf bereits vorhandene konzeptionelle Grundlagen. Bereits 2025 hatte er gemeinsam mit Alain Benbassat und Don Hirst im Rahmen des Point Montara Lighthouse Sprints südlich von San Francisco an der Weiterentwicklung der CiviCRM-Dokumentation gearbeitet. Die dort erarbeiteten Vorschläge beschreibt er in seinem Blogartikel unter Documentation – Montara Sprint.
Unter beta.docs.civicrm.org ist eine entsprechende Struktur sichtbar. Die Dokumentation unterscheidet zwischen Tutorials, Handlungsanleitungen, Referenzinformationen und Erklärungen. Diese Unterscheidung entspricht dem Diátaxis-Ansatz und trägt unterschiedlichen Bedürfnissen beim Lernen und Anwenden einer Software Rechnung.
Für unsere Arbeit bei polbeo ist dies besonders interessant. Wir entwickeln unter polbeo Wissen eine Methode, mit der wir wiederkehrende Anwendungswege möglichst einheitlich dokumentieren können. Dabei beginnen wir mit einer konkreten organisatorischen Aufgabe, beschreiben die Voraussetzungen und führen über einen erprobten Handlungsweg zu einem überprüfbaren Ergebnis.
Die beiden Ansätze stehen nicht im Wettbewerb. Vielmehr ergänzen sie sich: Während Diátaxis unterschiedliche Arten von Dokumentation unterscheidet, bestimmen die Trampelpfade deren Gegenstand. Die bei polbeo entwickelte Methode wiederum soll sicherstellen, dass aus einem erkannten Trampelpfad eine verständliche und reproduzierbare Anleitung entsteht.
Von einzelnen Anleitungen zu einer gemeinschaftlichen Ressource
Daraus ergibt sich für uns eine interessante Perspektive. Wenn wir unsere Dokumentation von Anfang an so aufbauen, dass sie mit den Strukturen und Qualitätsanforderungen der CiviCRM-Community kompatibel ist, müssen die bei polbeo entstehenden Anleitungen nicht auf unsere eigenen Kunden beschränkt bleiben.
Sie können vielmehr unmittelbar in die gemeinschaftliche Dokumentation zurückfließen. Umgekehrt könnten wir vorhandene Dokumentation der Community für unsere Anwendungswege nutzen, statt sie erneut zu verfassen.
Das setzt voraus, dass wir nicht nur auf die inhaltliche Qualität achten, sondern auch Herkunft, Voraussetzungen, Versionsbezug und Pflege der Dokumentation berücksichtigen. Und es verlangt einen geeigneten organisatorischen Prozess, über den Beiträge geprüft, übernommen und weiterentwickelt werden können.
Für polbeo ist dies kein Nebenschauplatz. Wir wollen die Aneignung von CiviCRM erleichtern, indem wir einerseits seine Bereitstellung und technische Pflege vereinfachen und andererseits praxistaugliche Anwendungswege dokumentieren.
Die Gespräche in Paris haben mich darin bestärkt, dass dieser Ansatz weit über unser eigenes Unternehmen hinausweist. Aus den Trampelpfaden einzelner Anwender kann eine gemeinsame Infrastruktur entstehen, die CiviCRM leichter zugänglich macht und seine Weiterentwicklung unterstützt.